Rüdiger Wenzel

Rüdiger Wenzel im Interview über sein Hackentor beim
FC St. Pauli

Mit 59 Treffern ist Rüdiger Wenzel (63) der Zweitliga-Rekordtorjäger des FC St. Pauli. Im Interview hat der Ex-Profi mit uns über sein legendäres Hackentor gegen den HSV, die besondere Beziehung zum Anhang der Kiezkicker und die Unterschiede zwischen früher und heute gesprochen.

Rüdiger Wenzel (FC St. Pauli) | Hackentrick


„Das wird bei 100 Versuchen nie wieder klappen“


HACKENTRICK: Hallo Herr Wenzel, erinnern Sie sich noch an den 23. März 1989?

RÜDIGER WENZEL: Ja, klar! Da erinnere ich mich noch gut dran. An diesem Tag habe ich für St. Pauli gegen den HSV ein Tor mit der Hacke erzielt.

HACKENTRICK: Beschreiben Sie doch bitte mal diesen außergewöhnlichen Treffer aus Ihrer Sicht …

WENZEL: Da sind in Bruchteilen von Sekunden sehr viele Faktoren zusammengekommen. Egon Flad hat geflankt und als Stürmer wollte ich natürlich als Erster an den Ball. So wie die Flanke kam, blieb mir nichts anderes übrig, als es mit der Hacke zu versuchen. Das war einfach mein Instinkt. Dass ich ihn dann so gut getroffen habe und er über Richie Golz ins Tor geflogen ist – da war natürlich auch Glück dabei. So etwas kann man nicht üben und wird bei 100 Versuchen nie wieder so klappen. Aber dass der Ball aufs Tor geht, war schon geplant. Ich wollte den nicht zur Eckfahne schlagen (lacht).


„Das Video zu gucken, steht nicht bei mir auf der Tagesordnung“


HACKENTRICK: Was für ein Gefühl ist es, ein solches Tor in einem derart wichtigen Spiel vor über 50.000 Zuschauern zu erzielen?

WENZEL: Das war schon eine schöne Sache. So etwas gelingt einem schließlich nur einmal in seinem Leben. Doch im Endeffekt hätte ich das Tor lieber nicht geschossen, wenn wir stattdessen gewonnen hätten. Am Ende haben wir ja leider 1:2 verloren.

HACKENTRICK: In der ARD-Sportschau wurden Sie im Anschluss mit einer Medaille für das Tor des Monats geehrt. Verraten Sie uns, wo Sie diese Auszeichnung aufbewahren?

WENZEL: Bei mir zuhause im Schrank. Da hat sie einen Ehrenplatz in einer Glasvitrine. Ich laufe da jeden Tag vorbei, gucke jetzt aber auch nicht ständig hin.

Tor 2:1 Ruediger Wenzel (St. Pauli), Siegtor nach langer Verletzungspause Fussball FC St. Pauli - Waldhof Mannheim 2:1

HACKENTRICK: Bei Youtube wurde das Video zu Ihrem Hackentor über 10.000-mal angesehen. Hand aufs Herz, wie viele Views stammen dabei von Ihnen?

WENZEL: Um ehrlich zu sein: gar keine. Ich habe noch nicht mal gewusst, dass es das dort zu sehen gibt. Sie können mir schon glauben: Ich habe die Auswertung nicht manipuliert (lacht). Von dem Tor habe ich aber eine Videokassette. Ab und zu gucke ich mir das mal an, wenn mir danach ist. Doch das steht nicht bei mir auf der Tagesordnung.


„Früher hat man mit den Fans noch ein Bierchen getrunken“


HACKENTRICK: Verfolgen Sie denn generell noch das Geschehen in der Bundesliga?

WENZEL: Na klar! Einmal Fußballer, immer Fußballer. Die Sportschau ist Pflichtprogramm.

HACKENTRICK: Und wie sehr sind Sie noch mit den Kiezkickern verbunden? Mit 59 Treffern sind Sie jedenfalls noch immer der Zweitliga-Rekordtorschütze des Vereins …

WENZEL: Für mich ist das eigentlich passé, mit der Zeit verliert man die Verbindung. Heutzutage ist das eine ganz andere Generation, da kennt man keinen mehr. Aber die Daumen drücke ich dem Verein natürlich immer noch. Ich habe da viele schöne Dinge erlebt, so etwas vergisst man nicht.

HACKENTRICK: In einem St.-Pauli-Buch von René Martens haben Sie gesagt, dass der damalige Kontakt zu den Fans Ihrer Art sehr entgegengekommen ist. Was haben Sie damit gemeint?

WENZEL: Ich bin ein sehr offener Mensch – und so war auch die Beziehung zu den Fans. Dort wurde man nie angepöbelt. Wenn es mal schlecht gelaufen ist, hat man nach dem Spiel ein Bierchen mit den Leuten getrunken und die Sache war aus der Welt. So etwas kann man sich heutzutage ja nicht mehr vorstellen, jetzt sind die Spieler alle abgeschottet.

Schlussjubel v.l. Ruediger Wenzel, Hansi Bargfrede Fussball FC St. Pauli - Darmstadt 98 3:2


„Heute ist man ständig unter Beobachtung – das wäre nicht mein Ding gewesen“


HACKENTRICK: Wenn Sie die gegenwärtige Zeit im Profifußball mit der in den 70er und 80er Jahren vergleichen: Was war früher anders und worum beneiden Sie womöglich die Stars von heute?

WENZEL: Wir hatten damals viel mehr Freiheiten. Früher konnte man noch was essen gehen, ohne dass es am nächsten Tag in der Zeitung stand. Jetzt weiß dein Trainer quasi schon vor dir, wo du dich rumtreibst. Heute stehen überall Kameras und man ist ständig unter Beobachtung. Das wäre nicht mein Ding gewesen. Doch finanziell hat man es heute natürlich leichter als Fußballer. Selbst wenn man auf der Bank sitzt, kriegt man einen Haufen Geld. Früher musste man sich das alles über Prämien hart erarbeiten.

HACKENTRICK: Rückblickend auf Ihre langjährige Fußballer-Laufbahn: Was war der prägendste Augenblick Ihrer Karriere?

WENZEL: Schwer zu sagen. Aber ich denke, mein schönster Augenblick ist gewesen, dass ich überhaupt den Profifußball erreicht habe und mein Hobby zum Beruf machen konnte. Das hat schließlich mein ganzes Leben geprägt.

Interview: Jonas Altwein

Fotos: Witters, Imago Sportfotodienst

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