Ganz viel Wunder im Wildpark

Es ist der 15.03.1994 in Karlsruhe. Das erste Wunder vom Wildpark war bereits vergessen, das Nächste stand bevor. Es ging um das Rückspiel im UEFA Cup Viertelfinale gegen Boavista Porto.

 

Mitte März in Karlsruhe. Das Hinspiel gegen Boavista Porto endete auswärts mit 1:1. Der Auswärtsregel nach, würde also ein Sieg oder gar ein 0:0 ausreichen, um in die nächste Runde vorzustoßen. Gespielt waren 35 Minuten, da erzielte Wolfgang Rolff den entscheidenden Treffer zum 1:0 für Karlsruhe. Danach gab Porto nicht zum erhofften Ausgleich. Keine Verlängerung. Somit war es perfekt, Karlsruhe stand im Halbfinale des UEFA Cups. Über den sechsten Tabellenplatz in der Saison 1992/93 qualifizierte sich Karlsruhe in letzter Sekunde. Im Halbfinale scheiterte man dann allerdings am SV Salzburg. Nach Hin- und Rückspiel mit 1:1 und 0:0. Die Auswärtstorregel half Salzburg und so flogen die Karlsruher aus dem Pokal.

 

Doch das eigentliche Wunder war bereits vorher geschehen. Und zwar Wochen zuvor in der zweiten Runde des UEFA Cups. In dieser zweiten Runde kam es nämlich zum Duell zwischen Karlsruhe und dem damaligen Tabellenführer der spanischen La Liga, dem FC Valencia. Aussichtslos würde man sagen und nach dem Hinspiel, das am 20.10.1993 3:1 in Valencia an Valencia ging, gab keiner mehr etwas für den KSC. Karlsruhe war so gut wie aus dem Rennen. Es blieb nur das Rückspiel am 03.11.1993 im Wildpark.

 

Der damalige KSC-Trainer Winfried Schäfer war eigentlich für das Spiel gesperrt worden, versteckte sich aber hinter der Kabinentür unter einer Winterjacke, als ein Offizieller der UEFA die Kabine betreten wollte. Der bemerkte ihn nicht. Immer wieder trichterte Schäfer seinen Spielern ein: „Wir können das schaffen! Wir schaffen das!“ So waren seine Spieler waren unfassbar heiß, heute heißt das hoch motiviert, auf die Partie. Schon im Kabinengang trommelten die Spieler gegen die Wände und wollten einfach nur auf den Platz. Dazu kamen 25.000 Zuschauern, die das Stadion in einen Hexenkessel verwandelten. Der polnische Schiedsrichter Zbigniew Przesmycki mußte sogar den Anstoß wiederholen, weil die Karlsruher viel zu früh den Mittelkreis betraten.

 

Zunächst lief es allerdings eher schmeichelhaft für die Heimmannschaft. Der FC Valencia hatte den besseren Start erwischt. Das Spiel begann nämlich, wie es in Valencia aufgehört hatte. Valencia war am Drücker. Wäre da nicht der damalige Keeper Oliver Kahn gewesen. Er vereitelte auf seine unnachahmliche Weise mehrere Großchancen der Gäste, ehe sich das Pendel wendete.

 

Der KSC drehte auf. Edgar Schmitt legalisierte das Hinspielergebnis mit zwei schnellen Toren (29. und 34. Spielminute). Nach der Auswärtstorregel wären nun die Karlsruher weiter. Aber da waren ja erst 35 Minuten gespielt. Nach einer unfreiwilligen Vorlage durch Valerij Schmarow gelang Carl Schütterle vor der Halbzeitpause (37. Minute) mit einem traumhaften Heber vom Strafraumeck der Treffer zum 3:0. Nun war Valencia dran. Kurz vor der Pause bekam Valencia allerdings noch eine 100% Torchance zum Anschlusstreffer. Doch der Schuß ging gegen den Pfosten und Dirk Schuster  kratzte den Nachschuß von der Linie. Mit einem sicheren 3:0 ging es also in die Halbzeit.

 

Sofort nach Wiederanpfiff legte der KSC sogar noch einmal nach. Valerij Schmarow erzielte das Tor zum 4:0 (46. Minute). Knapp zehn Minuten später ging es weiter. Ein weiterer Doppelpack durch Edgar Schmitt zum 5:0 und 6:0 (59. und 63.), machte Schmitt mit insgesamt vier Toren in dieser Partie zum absoluten Matchwinner.

 

 

 

Edgar Schmitt war mit seinen vier Toren der Mann des Abends.

 

Valencia schaffte das Comeback nicht mehr. Kurios ist dabei sicherlich, dass Schmitt eine Woche vor dem Spiel ein Autounfall hatte. Er überschlug sich dabei sogar viermal. Das 7:0 durch Slaven Billic, nach Vorlage von Manfred Bender, dem an diesem Abend sogar drei Torvorlagen (heute Assists) gelangen, machte den Abend perfekt. Als Konsequenz hob Karlsruhes Präsident Roland Schmider nach diesem furiosen Spiel, die Siegprämie für die Spieler kurzerhand von 15.000 Mark pro Kopf auf 20.000 Mark an.

 

Das Ende dieser Saison verlief allerdings eher weniger traumhaft. Am letzten Spieltag der Bundesliga, zu diesem Zeitpunkt war Karlsruhe Drittplatzierter, verloren sie mit 5:1 gegen SG Wattenscheid 09. Noch schlimmer, Wattenscheid 09 war bereits abgestiegen. So landeten sie diesmal wieder auf dem sechsten Platz, der in dieser Saison allerdings erstmals keine Qualifikation für Europa bedeutete.

Foto: imago Simon / Wilfried Witters